Gestatten – mein Name ist Einkorn.

[ Bildvergrösserung anzeigen ]Ich gelte als eine der ältesten Getreidearten und gehörte zu den wichtigsten Kulturpflanzen der Welt. Historische Funde reichen vom Libanon, dem Euphrat und Tigris bis hin zum Kaukasus. Erwähnung finde ich bereits 8000 v. Chr. Im Laufe der Jahrhunderte habe ich mich erfolgreich von Kleinasien über Europa verbreitet, wo ich landwirtschaftlich bis zum 20. Jahrhundert von grosser Bedeutung war. Ich bin also – wenn Sie so wollen – eine gestandene Pflanze.

Nicht nur das. Meine Ansprüche sind klein, was die Bodenqualität anbelangt, und ich bin ziemlich resistent gegen so manchen Schädling, der mir an die Ähre will. Obwohl von feinem, einährigem Erscheinungsbild lege ich mich gegen Ackerunkraut mächtig und erfolgreich ins Zeug. Ich spende lebensnotwendige Mineralstoffe sowie wichtige Aminosäuren, die als Bausteine der Proteine gelten. Ich bin also ein unverfälschtes, gesundes, aromatisches und obendrein schmackhaftes Korn, das fast nur Vorzüge hat.

Trotz meiner vielen Werte nimmt meine Anbaufläche schon seit der Römerzeit, mit der Ausdehnung der Ackerbaukultur sukzessive ab. Wie kann also eine ‚ährenhafte Persönlichkeit’ wie ich plötzlich von der Bildfläche verschwinden? Der zur Römerzeit aufkommende Weizenanbau und die über Jahrhunderte fortschreitende züchterische Auslese verdrängen mich, das alte Einkorn, weil ich nicht soviel Ernte einbringe, mehr und mehr. Mit der zunehmenden Besiedelung und Nutzung der Landschaft durch den Menschen, werden auch Fauna, Flora und etliche Tierarten zurück gedrängt.

Soviel aus Einkornsicht.
Die Auferstehung des Einkorns

[ Bildvergrösserung anzeigen ] Peter Züblin, Agronom und unermüdlicher Verfechter für die Erhaltung alter Getreidesorten, macht sich bereits Mitte der 1950-er Jahre auf die Suche nach alten Kulturpflanzen wie Emmer und Einkorn. Zwei der ältesten landwirtschaftlich genutzten Getreidearten. Sie sind die Vorfahren des heutigen Brotweizens. 

Im Wissen um den Reichtum biologischer Vielfalt und in seiner Weitsicht lässt er nichts unversucht, den Anbau alter Sorten zu fördern. Aber seit Mitte des 20. Jahrhunderts scheinen die beiden Urkörner wie ausgestorben. Und die Suche nach dem alten Saatgut gestaltet sich steiniger als erwartet.

Schwenken wir gedanklich ins beschauliche Dorf Buus im Baselland. Dort wo Fuchs und Hase sich ‚Gute Nacht’ sagen, treffen Peter Züblin und sein Kollege Otto Buess eines schönen Tages auf Bauer Hediger. Ein wortkarger Typ ist er und kurlig obendrein. Allein wenn das Thema auf Getreidesorten kommt glätten sich seine verwitterten Züge. Und während man noch über längst vergessene Roggenarten, Nacktgerste und Co. fachsimpelt, blitzt es in der dunklen Scheune mit einem Mal verdächtig hell zwischen Staub und Mäusekot hervor. ‚Weisser Emmer’, sagt Züblin fast ehrfürchtig ‚Ich habe Jahre lang danach gesucht’.

Den Mäusekot lässt er zurück, den Emmer sät er noch gleichentags in Mutter Erde. Als die ersten Samen spriessen geht seine Vision in Erfüllung.

Im Jahr 2001 signalisiert eine Gruppe von Schweizer Landwirten und Naturschützern durch den Wiederanbau des Einkorns, dass der Natur- und Artenschutz in unserer Ernährungswirtschaft durchaus eine reelle Chance hat. Die extensive Produktion, verbunden mit ökologischen Ausgleichsflächen sowie die regionale Vermarktung der Getreideerzeugnisse leisten bereits heute schon einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Lebensräume für bedrohte Arten. Und Konsumentinnen wie Konsumenten erfreuen sich an Produkten aus ‚altem Schrot und Korn’, wie Brot, Gebäck, Teigwaren, Biere und vielem mehr. Ökologisch angebaut, naturbelassen und schonend produziert. Ganz im Sinne einer modernen Ernährungsphysiologie.
Der Wiederanbau des Einkorns

[ Bildvergrösserung anzeigen ]Dem Wiederanbau des Einkorns in der Schweiz geht in den 1990-er Jahren ein höchst erfreulicher Umdenkprozess voraus. Anlass hierfür sind die unübersehbaren Folgen, die aus der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung und der damit verbundenen intensiven Bodenbearbeitung resultieren; Überdüngung, Boden- und Gewässerbelastung durch Pflanzenschutzmittel, Bodenverdichtung und dergleichen mehr. 

Viele Tiere und Pflanzen halten dieser Belastung nicht Stand, sind ernsthaft bedroht oder sterben aus. Die Natur leckt ihre Wunden. Es ist höchste Zeit zur Umkehr.

Das Zeitalter der extensiven Bodenbewirtschaftung wird eingeläutet. Will heissen: Minimaler Düngereinsatz, vermehrte mechanische Bekämpfung unerwünschter Unkräuter bzw. geringere Ausbringung von selektiv eingesetzten Pflanzenbehandlungsmitteln nach strengen Vorschriften sind die Rezeptur für eine Schonung und Genesung der Natur. Neben den Produktionsflächen schaffen die Landwirte zudem wieder neue Lebensräume für seltene Tiere und Pflanzen des Kulturlands. Auch alte Kulturpflanzen halten da und dort wieder Einzug. Dank diesen Bestrebungen finden bedrohte Tier- und Pflanzenarten wieder bessere Lebensbedingungen, und Erholungssuchende erfreuen sich an der wiedererwachten Vielfalt der Natur. Die zerstörte Ökologie findet langsam ihr Gleichgewicht.

Erhaltung und Förderung der Artenvielfalt und Bereicherung der Landschaft werden zum obersten Gebot.